Grand Galibier – von Dosen und Steinböcken

Der Grand Galibier (3228m) oder „Der erste 3000er von Wüstenmaus ohne Aufstiegshilfe

Während unseres Urlaubs in den Westalpen im September haben wir diesmal hauptsächlich Alpenpässe und Offroadpisten unter die Räder genommen. Aber die ein oder andere Bergtour muss natürlich drin sein, alles andere wäre ein Sakrileg.

Je länger der Urlaub her ist, desto häufiger denke ich an eine Tour: mein erster „echter“ 3000er, ohne „Aufstiegshilfe“ und im Sommer, also auch nicht mit Ski. Auf dem Radar war der Grand Galibier (3228m), der dem gleichnamigen Pass in den Westalpen seinen Namen gab. Selbiger ist sehr beliebt bei Motorradfahrern und vor allem bei den total bekloppten Fahrradfahrern, die buchstäblich keine Schmerzen kennen. Wahnsinn! Kudos! Aber sind die Buben nicht sowieso alle gedopt?

Herr Jeeper fing irgendwann an laut über die vielen Caches am Galibier nachzudenken, u.a. einer auf dem Gipfel. Also die Tourenbeschreibungen angeschaut. Es gibt mehrere Möglichkeiten: eine vom Pont de L’Alpe mit 1520 HM, eine von Plan Lachat mit 1250-1100 HM je nach Startpunkt. Die letzte von Süden, wesentlich kürzer von der Strecke, 900 HM. Und welcher Zufall- auf dieser Variante lagen mehrere Caches. Und jetzt muss ich da hoch, sagt Herr Jeeper!?!

900 HM per se sind ja eigentlich nicht sooo viel. Aber nur etwa 7 km einfache Strecke, davon die ersten 3-4 ziemlich flach, dann 900 HM… puuuh. Ich habe plötzlich wieder flashbacks von Bergführern, die die Augen rollen wenn man auf 4000m in immer kürzeren Abständen röchelnd stehenbleibt um den dringend notwendigen Sauerstoff nachzupumpen, oder es nicht verstehen können wenn man sich beim Anblick der 45°- Abfahrt in die Hosen macht. Bin eben kein Trailrunner, und war auch schon mal besser in Form. Und skifahren kann ich auch erst seit 3 Jahren.

Aber… die Aussicht auf einen „echten“ 3000er ohne Steigeisen etc ist schon verlockend und ich kann einen gewissen Ehrgeiz gepaart mit Vorfreude nicht leugnen. Einige Tage vorher hatten wir uns mit dem Owner mpoup abends zum Bier in Brinançon getroffen. Er meinte „c’est pas de problème pour vous“ (kein Problem für Euch- er meint die Stellen im 2. Grad, aber dann wiederum ist er ja Bergführer- s.o.). Also gut. Leider lässt das Wetter mehrere Tage lang sehr zu wünschen übrig, sodass die Hoffnung schon langsam zu schwinden drohte. Am 4. Tag dann doch endlich das ersehnte perfekte Bergwetter. Heute soll es werden! Herr Jeeper war schon ganz unruhig und scharrte mit den Hufen.

Startpunkt ist unterhalb des Col du Galibier auf ca. 2450m. Der Chemin du Galibier ist über ca 1.5h eher ein Almwiesenpfädchen. Meine Befürchtungen werden nicht zerstreut- die 900 HM konzentrieren sich auf recht kurzer Strecke. Das Suchen des ersten örtlichen Caches nimmt auch noch etwas Zeit in Anspruch. Schliesslich bietet sich uns dieser Anblick:

Hab ich schon erwähnt dass ich Geröllfelder nicht mag? Ausserdem besteht hier bei höherem Betrieb Steinschlaggefahr. Wir sind erleichtert, als nach relativ kurzem Aufstieg das Geröllfeld gequert wird und das Gelände in besagtes 2. Grad- Gelände übergeht (die Aufstiegsroute verläuft auf dem Foto rechts vom Geröll). Irgendwie fühle ich mich viel wohler, wenn ich bisschen kraxeln kann. Ich sollte noch erwähnen, dass die gelb-grüne Wegmarkierung sehr gut und auch wichtig ist. Wenn man sich nicht sicher ist, lieber noch mal ein paar Meter zurückgehen und danach Ausschau halten-wenn man sich beim Auf/Abstieg zum/vom Col Termier versteigt wäre das nicht so ideal. Ist nicht wirklich gefährlich, aber Idealweg geht anders.

Wir steigen höher, und es bietet sich dieser fantastische Ausblick auf die Barre des Ecrins. Ich bin schwer beeindruckt- ausserdem ist die Luft dünn und mir heiss.

Oben auf dem Pass (Col du Termier, 2898m) dann ein Anblick, für den allein sich der Aufstieg schon gelohnt hat: Steinböcke! Ein ganzes Rudel! Und die sahen keine Notwendigkeit sich vom Weg wegzubewegen, also geht Mensch aussenrum. Ich bin ganz aus dem Häuschen. Aber noch sind wir ja nicht oben.

Es stehen noch drei Caches auf dem Programm: der Le Col Termier, die Challenge des Altitudes und der Gipfelcache des Grand Galibier natürlich. Da die Caches sehr gut versteckt sind, muss man unbedingt genug Zeit für die Suche einplanen. Insbesondere wenn man nicht gerade ein Trailrunner ist, aber das erwähnte ich glaube ich schon. Wir hatten eine etwas langsamere Gangart und die vierfache Cachesuche berücksichtigt- es geht doch nichts über gute Planung. Damit haben wir dann 3 von 4 Geocaches der Challenge des Altitude Serie besucht, somit fehlt nur noch Nummer 4.

Das Wetter könnte besser nicht sein. Vom Challenge des Altitudes-Cache sind es noch etwa 200 HM zum Gipfel, und es geht einigermassen steil bergauf. Man kann von dort schon sehen, dass im Gipfelbereich ziemlich viele Leute unterwegs sind. Seltsam- an einem Wochentag ausserhalb der Ferien….?

Als wir näher kommen, stellt sich heraus, dass hier die französischen Gebirgsjäger mit mindestens 40 Soldaten auf Übungstour sind. Die sind mitten in der Nacht los und haben einen Halbmarathon plus die Höhenmeter plus die Kletter- und Sicherungsübungen auf dem Gipfel absolviert. Reschpekt! Herrn Jeeper halten sie für einen Bergführer und mich für den Gast [Anmerkung der Red. Herr Jeeper hat sich gefreut wie Bolle!]. Sie sind sehr höflich und zuvorkommend, und die Rufe „Achtung Zivilisten!“ sorgen bei uns für Erheiterung. Ich bekomme noch mal kurz einen Schweissausbruch, als ich sehe wie heftig die Kollegen gesichert sind- das sollte doch 2. Grad sein?

Die Sorge ist völlig unbegründet- es ist in der Tat nur eine Übung. Es ist wirklich einfach zu gehen, hier und da muss man die Hände an den Fels legen, aber überhaupt kein Problem. Mir jedenfalls ist das lieber als Schutt und Geröll. Wir lassen das Marschgepäck unterhalb des Gipfels liegen (es ist ja gut bewacht) und gehen die letzten 100 HM ohne Ballast.

Endlich oben! 360 °- Sicht, kilometerweit- mir ist vorher nie aufgefallen, dass in einem solchen Moment der schweisstreibende Aufstieg blitzartig vergessen ist. Den Cache – nach der üblichen längeren Suche- gefunden und noch ein Schwätzchen mit den Gebirgsjägern gehalten.

Eine junge Frau, die zum Fotografieren allein über den langen Weg aufgestiegen ist (Chapeau!), ist so nett und macht ein Foto von uns auf dem Gipfel.

So, nun aber abwärts. Zwischendurch immer wieder das einmalige Panorama geniessen. Die Steinböcke liegen immer noch so rum.

Ich perfektioniere meine Geröllabfahrten. Geht jetzt echt super- viel leichter als in die andere Richtung :)!

Der Abstieg sollte ja wesentlich schneller gehen- das trifft auch voll und ganz zu, allerdings zieht sich das letzte Stück Almwiesenpfad, das am Morgen im Schatten lag und zum Aufwärmen etwas schneller gegangen wurde, nun schier endlos hin.

Fazit: eine super Tour an einem brillanten Tag, mit tollen Eindrücken, die ich nicht vergessen habe. Und damit das auch in Zukunft nicht passiert, hab ich‘s noch mal schnell aufgeschrieben.

 

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